Suchthaftung 

Am Wetter merkt man es immer ganz deutlich: wenn es plötzlich so licht wird, so mild, regelrecht italienisch. Wenn überall die ersten Blüten ihre bunten Köpfe aus dem welken Gras des Vorjahrs strecken und wenn die lastende winterliche Stille von hellem Vogelgezwitscher durchdrungen wird. Ja dann ist…Fastenzeit. Ausgerechnet in jener frühlinghaften Aufbruchstimmung des Jahres sollen wir „verzichten“. Wobei das mitunter ja durchaus heilsam sein kann, denn allzu hemmungsloser Genuss führt schnell zur Sucht und dann? Dann hilft eben entweder Fasten - oder Klagen. 

Noch zu D-Mark-Zeiten entschied ein Mann aus Nordrheinwestfalen sich für Letzteres. Er hatte siebzehn Jahre auf Fasten verzichtet und diese Zeit lieber einer bestimmten Biermarke gewidmet. Weder der Verlust seines Führerscheines, noch seines Arbeitsplatzes noch seiner Ehefrau konnten ihn von seiner Sucht abbringen und als er alles verloren hatte, wollte er den Schuldigen dafür büßen lassen. Den allerdings sah er interessanter Weise nicht in sich selbst sondern in Gestalt der Brauerei, die sein schädliches Hobby ermöglicht hatte und von der er 30.000 DM verlangte. Auf den Etiketten der Bierflaschen hätte vor den Folgen des extensiven Alkoholkonsums gewarnt werden müssen, argumentierte sein Anwalt. Doch die Richter des Oberlandesgerichts Hamm hielten dem Trinker den Spiegel vor: sowohl die Alkoholhaltigkeit von Bier als auch die Schädlichkeit von übermäßigem Alkoholgenuss gehörten zum Allgemeinwissen und da haftet jeder für sich selber, der bei der Mass nicht maßhalten kann (Az. 9 W 23/00). 

Ganz ähnlich erging es einem Raucher vor dem Landgericht im westfälischen Arnsberg, der in Höhe von 213 400 Euro die Ernte für 40 Jahre Nikotinsucht beim Tabakkonzern Reemtsma klageweise einfahren wollte. Konkret ging es ihm um die „Ernte 23“, an deren Glimmstängeln er Jahrzehnte gehangen hatte und das auch schon lange bevor auf den Päckchen vor Teer und Nikotin gewarnt wurde. Der Vorwurf des herzkranken Rauchers lautete überdies, dass den Zigaretten heimlich suchtfördernde Zusatzstoffe beigemischt würden. Doch die Richter befanden, jeder vernünftige Mensch wisse um die Gefahren des Rauchens und insbesondere die Gefahr der Sucht. Die Theorie von den Zusatzstoffen sei abgesehen davon genauso wenig nachweisbar wie der Zusammenhang zwischen der Krankheit des Rauchers und seinem Zigarettenkonsum. 

Im November 2003 wurde die Klage daher abgewiesen. Mehr Glück hatte ein 52-jähriger Manager, dem sein Hausarzt über Jahrzehnte insgesamt 19000 „Rohypnol“ Schlaftabletten verschrieben hatte, was in die schwere Medikamentenabhängigkeit führte. Doch der Mann war ein Kämpfer. Er befreite sich von der Sucht, zerrte seinen Arzt vor das Schiedsgericht der norddeutschen Ärztekammern und bekam dort Recht: Im Januar 2004 wurde erstmals in Deutschland einem Patienten eine Entschädigung zugesprochen und damit anerkannt, dass seine Sucht durch einen ärztlichen Fehler entstanden war. 

Also halten Sie durch – noch drei Wochen bis Ostern!      

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