Gutachter vor Gericht


Es gibt Situationen, in denen der Sachverstand von Juristen nicht ausreicht, um eine Aussage über richtig oder falsch oder gar Recht und Unrecht zu treffen. Wie schnell fuhr das Auto, als es in den vollen Gülletank krachte? Wie laut singt der Beo des Nachbarn? Antworten auf derart komplexe Fragen der Lebenswirklichkeit können nur Experten geben, die sündhaft teure Messgeräte besitzen. Frauen und Männer, die Dinge über Technik, Physik und Sozialverhalten wissen, die nicht mal „google“ sich in seinen kühnsten virtuellen Träumen ausmalt. Gutachter eben. Aber auch Gutachter haben es nicht immer einfach im Leben und erst recht nicht vor Gericht. 

Da hat es der Sachverständige, der vor dem Landgericht Ravensburg zu klären hat, ob es das Masernvirus in Wahrheit gar nicht gibt, nachdem ein Impfgegner in einer Wette 100.000 Euro für den Gegenbeweis ausgelobt hatte, noch gut erwischt. Der muss einfach mal in Berlin einen Kindergarten besuchen. Seine Kollegen tun sich schwerer. Angeblich klagt ein Viertel aller medizinischen Gutachter darüber, von den Gerichten eine „Tendenz vorgegeben zu erhalten“, sprich: der Richter weiß schon vorher, was er vom Gutachter am liebsten hören würde. Das behauptete jedenfalls 2013 eine Doktorarbeit aus München. 307 medizinische Gutachter nahmen daran teil. Das Ergebnis: Die eindeutigsten „gerichtlichen Hinweise“ bekamen nach eigenen Angaben die psychiatrischen Gutachter. Als er diese Studie gelesen hat, hat Gustl Mollath sicher vielsagend genickt. Doch es gibt auch Fälle, in denen man das Gefühl hat, die Sache macht dem Gutachter richtig Spass. 

Da war zum Beispiel diese Sache mit dem Tubaspieler der „Altneihausner Feierwehrkapell´n“, die Sie vielleicht vom Frankenfasching kennen. Dessen roter Citroen Picasso stand im Dezember 2013 friedlich in seiner Garage in Neustadt an der Waldnaab als…nun ja, wie erklärt man das, was nun geschah mit neutralen Worten? Eine junge Frau und ein junger Mann verschafften sich Zugang zu der Garage, fanden auf dem geparkten PkW zueinander und bewiesen sich gegenseitig so intensiv ihre Zuneigung, dass Motorhaube und Stoßfänger erhebliche Kratzer und Beulen erhielten und sogar das Nummernschild des Autos abriss. Der beauftragte Gutachter musste nun zunächst (Unfallanalytik) die konkrete Entstehung der Schäden nachvollziehen. Das Amtsgericht wollte es ganz genau wissen: was haben die da getrieben? Wie, wo und in welcher Position? Ob der Gutachter sich zur Schadensrekonstruktion einer Hilfsperson bedient hat, ist unbekannt. Anschließend musste der Sachverständige auch noch (Schadensfeststellung) den Umfang des Reparaturbedarfs, die Wertminderung des PkW und die Reparaturdauer ermitteln, was dem Pärchen eine Zeche für das Schäferstündchen in Höhe von 2681,18 Euro einbrachte - nebst Übernahme der Gutachterkosten. 

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