Im Schilderwald 


Manchmal fühlt man sich in Deutschland im Straßenverkehr wie im Märchen von Hänsel und Gretel – verloren im Schilderwald. 20 Millionen Blechscheiben sprießen wie Fliegenpilze an unseren Wegen und Plätzen. Und wer in den düsteren Tiefen dieses Regelspinnennetzes endgültig jede Orientierung verloren hat – den packt die böse Hexe! Oder man wird geblitzt oder von der Polizei angehalten oder bekommt einen Strafzettel. Wäre es nicht fabelhaft, wenn der Schilderwald einer Blumenwiese gegenseitiger Rücksichtnahme wiche? Deutschlands Märchenerzähler spinnen diesen Gedankenfaden schon lange. 

Im Jahre 1960 stellten die Verkehrsdichter, Pardon, Richter am Bundesgerichtshof fest, dass Verkehrszeichen gut sichtbar und deutlich angebracht sein müssen, wenn sie Wirkung entfalten sollen. Der Kraftfahrer im Schnellverkehr müssen die Zeichen bereits durch einen „beiläufigen Blick“ wahrnehmen können (Az. III ZR 30/60). Die Konsequenz daraus lautet, dass chaotische Verkehrsschilder quasi so unsichtbar sind wie der Rübezahl - also keine Wirkung entfalten. Diese Geschichte erzählte ein Autofahrer vor dem Amtsgericht Stollberg, der nicht erkannt haben wollte, dass „Tempo 70“ gegolten habe, als er geblitzt wurde. Der Richter konnte das ebenfalls nicht nachvollziehen und fand, die Beschilderung vor Ort sei so verworren wie Königin Sheherazades Erzählungen aus Tausend und einer Nacht. Ein erhöhtes Bußgeld gab es zwar trotzdem, aber immerhin wurde das ebenfalls verhängte Fahrverbot kassiert (Az. 2 Owi 550 Js 10913/08). 

Eine ebenfalls recht interessante Methode zur Abholzung der bösen Zauberbäume im Schilderwald empfiehlt der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg: Jeder Bürger darf ein Jahr lang vermeintlich unsinnige Verkehrsschilder bei der Verwaltung monieren. Diese Frist beginnt jedoch nicht etwa mit der Pflanzung des Schildes sondern erst mit dem Zeitpunkt, zu dem der Bürger das Schild nachweislich zum ersten Mal wahrnimmt (Az. 5 S 2285/09). 

Der ADAC hat schon im Jahre 1999 die Mär vom Waldsterben im Schilderwald ausgerufen und argumentiert unter anderem mit der Kostenersparnis von durchschnittlich 200 Gulden pro weggelassenem Verkehrsschild. Die niedersächsische Gemeinde Bohmte hat entsprechend konsequent ihren Schilderwald gerodet wie der böse Zauberer Saruman den Wald Fangorn. Kein Vorfahrtsschild, keine Ampel, keinen Zebrastreifen mehr – und das bei durchschnittlich 12.000 Benzinkutschen am Tag! Jetzt gilt nur noch Paragraf 1 Absatz 1 der Straßenverkehrsordnung: "Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht." 

Dennoch – oder gerade deshalb – können Fußgänger sich gefahrlos quasi blind wie Rapunzels Prinz auf die Fahrbahn stürzen. Unfälle sind signifikant zurückgegangen. „Shared Space“ nennt sich das neuhochdeutsch und ist auch andernorts ein echter Renner. In der Kensington High Street in London zum Beispiel wurden 95% aller Schilder abgeschraubt, woraufhin Verkehrsunfälle mit Fußgängern um 60% zurückgingen. 

Klingt fast wie Hexerei – oder gesunder Menschenverstand, würde Sherlock Holmes vermuten. 

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