Die Gelüste des Nachbarn 


Als ich meiner Assistentin auf deren Frage, womit sich denn die heutige Kolumne beschäftigen werde, mitteilte, dass ich beabsichtige, einmal etwas über das Grillen zu schreiben, verzog sie die Mundwinkel und erwiderte verächtlich, das sei aber kein besonders originelles Thema. Zugegeben: blickt man auf die Vielzahl der Urteile deutscher Gerichte, die sich dem Brutzeln rohen Fleisches auf heißer Glut widmen, so scheint das Sujet in der Tat reichlich durchgebraten zu sein. Umgekehrt ist es eben in der heißen Jahreszeit, erst recht während einer Fußball-Weltmeisterschaft, ganz offensichtlich ein echter Aufreger und so will ich ihnen das Recht auf dem Rost so schmackhaft wie möglich würzen. 

Vielleicht sind sie aber auch Vegetarier und leiden zudem unter Atemnot und ihr Nachbar ist ein fleischeslüstern rauchschwadiger Grillfetischist, der schon Ende Februar die ersten Kohlen glühen lässt? Dann werden sie sicher mit größtem Interesse die Ratschlüsse einer einstweiligen Verfügung des Amtsgerichts Westerstede zu Kenntnis nehmen, das sich mit der Frage befassen musste, wie viel Grillgenuss man dem Nachbarn im urbanen Raum zubilligen muss. 

Die Antragstellerin sah sich genötigt, der fast wöchentlichen Fleischbraterei ihres Nachbarn auf Holzkohlen per gerichtlichem Eilverfahren Einhalt zu gebieten. Der beißende Rauch dringe regelmäßig bis in ihr Schlafzimmer vor und das befinde sich immerhin im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses. Für zukünftige Smogattacken verlangte sie, der grillende Nachbar möge es 48 Stunden vorher ankündigen, wenn er den Rost in Betrieb zu nehmen gedenke und mehr als fünf Mal Grillen im Jahr brauche ohnehin kein Mensch. Das Gericht versuchte es salomonisch und wägte die allgemeine Handlungsfreiheit (Art. 2 Abs. 1 GG) des grillenden Nachbarn einerseits und das Recht auf einen ungestörten Gebrauch der Wohnung (§§ 854 ff BGB, § 823 Abs. 1 BGB, Art 14 GG), andererseits fachmännisch gegeneinander ab: Zehn Mal im Jahr dürfe Rauch aufsteigen, befand der Richter. Zwei Mal im Monat höchstens. Während dieser Stunden habe die Antragstellerin ihre Fenster eben zu schließen. Eine Vorankündigung von 48 Stunden hielt das Gericht für lebensfremd, denn Grillen mache nur bei schönem Wetter Freude und man könne dem Grillfreund keine meteorologischen Studien zwei Tage vorab zumuten, zumal dies dem Grillen dessen typische Spontaneität völlig rauben würde (Az. 22 C 614). Gerade die schönen Dinge soll man eben niemals übertreiben. 

Apropos Treiben: wenn ihr Nachbar mit Grillen zwar nichts am Hut hat, der Fleischeslust auf seinem Balkon jedoch dergestalt frönt, dass er dort lautstarken Sex hat, müssen sie dies keinesfalls hinnehmen (AG Bonn, Urteil v. 17.05.2006, 8 C 209/05). Anders ist es, wenn der Nachbar im Garten oder auf Balkonien sein eigen nacktes Fleisch grillen möchte – also vor ihren fremdschämenden Augen splitternackt in der Sonne prangt. Diese Kröte werden sie wohl schlucken müssen, urteilte der Bundesgerichtshof schon im Jahre 1974 (BGH V ZR 83/73). 

Na denn: genießen sie den Sommer!

 

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