Der Anwalt und die Robe

Ein lästiger Kleiderzwang oder doch sinnvoll?

 


Wenn sie einmal an einer bayerischen Gerichtsverhandlung teilgenommen haben, dann ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass alle anwesenden „Amtspersonen“ (zu denen im weitesten Sinne auch die Rechtsanwälte gehören) kuttenartige, meist schwarze Mäntel tragen. Staatsanwälte und Richter genau wie Protokollkräfte und. Umso überraschter war ich, als ich kürzlich besagten schwarzen Mantel in einem Gerichtssaal im preußischen Norden der Republik über mich warf, von den anwesenden Juristenkollegen angestarrt wurde, als sei ein Engel zwischen sie getreten. Oder der Belzebub vielleicht. Dort trägt man sie nämlich nicht mehr – die „Robe“.

Bäcker sind weiß. Polizisten grün (oder vielleicht demnächst blau). Bayerische Anwälte tragen schwarz. Warum eigentlich?

In einer Kabinettsorder vom 15. Dezember 1726 verfügte König Friedrich Wilhelm I.: „Wir ordnen und befehlen hiermit allen Ernstes, dass die Advocati wollene schwarze Mäntel, welche bis unter das Knie gehen, unserer Verordnung gemäß zu tragen haben, damit man diese Spitzbuben schon von weitem erkennen und sich vor ihnen hüten kann.“ Andere Länder folgten den Preussen, seit der Reichsgründung 1871 auch Bayern und 1970 entschied das Bundesverfassungsgericht, es sei „bundeseinheitliches Gewohnheitsrecht“, dass Rechtsanwälte vor den Landgerichten und höheren Gerichten verpflichtet seien, in Robe zu erscheinen.

Das Oberlandesgericht München entschied 2006 darüber hinaus, dass ein Strafverteidiger in Bayern unter der Robe ein weißes Hemd und eine weiße Halsbinde zu tragen habe. (Hinsichtlich der Beinbekleidung herrscht dagegen die nackte Anarchie!) Ich selber neige übrigens bei der Halsbinde mitunter zu Akten der Revolution und trage farbige Krawatten. Ich sehe dabei das Landgericht Mannheim auf meiner Seite: Der Krawattenzwang ist nach einem Beschluss des Gerichts vom 27. Januar 2009 - 4 Qs 52/08 - zweifelhaft geworden, weil sich aus § 20 BORA (der Berufsordnung für Rechtsanwälte) nicht die Verpflichtung zum Tragen einer Krawatte, sondern nur einer Robe ergibt.

Vor Amtsgerichten (in Zivilsachen) kommt es ohnehin auf die ortsüblichen Gepflogenheiten an und mancherorts droht die Robe auszusterben. Dabei hat sie einen edlen Zweck! Sie entlarvt nicht nur uns Anwälte als „Spitzbuben“, wie Friedrich I. hämisch tönte. Sie „entpersönlicht“ vor allem die juristischen Funktionäre im Prozess. Nicht Meinungen und Launen, Eitelkeiten, Vorlieben oder Stimmungen sollen eine Entscheidung befördern und bestimmen sondern gründliche, nüchterne Sachlichkeit und Gleichberechtigung. Letztlich aber und im Einzelfall entscheidet das Gericht, wann der Spaß zur Albernheit verkommt und wenn der vorsitzende Richter in einem nichtklimatisierten Sitzungssaal Mitte Juli bei 35 Grad den Robenzwang aufhebt, gibt es selten Protest.

Dann nämlich verschwinden die verschwitzten, schwarzen Kittel blitzschnell in den Koffern und die Ärmel werden hochgekrempelt.

 

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