Juristendeutsch


Im Oktober 2011 schockte die Tageszeitung „Die Welt“ mit der Überschrift: „Politiker engagieren Übersetzer für Juristendeutsch“. Dabei sollten doch Politiker Gesetze machen und Juristen diese nur anwenden – wie kann es da sein, dass die Macher des Rechts das, was die Umsetzer des Rechts sagen, nicht verstehen können? Manche betrachten das Rechtswesen als Geheimwissenschaft, dessen Sprache nur auserwählten Eingeweihten zugänglich ist. So wie früher die Bibel nur in Latein, (wahlweise noch hebräisch oder griechisch) zu haben war. Bis dann der Luther die Sache übersetzt hat und was gab das für einen Aufruhr, bis hin zu dreißig Jahren Krieg! 

Aber zurück zu den Juristen. Haben Sie schon einmal einen Brief vom Anwalt bekommen? Oder ein Urteil gelesen? Schon frustrierend manchmal, obwohl ich glaube, dass es keinen neuen Religionskrieg in Deutschland gäbe, wenn einer sich die Mühe machte, das Bürgerliche Gesetzbuch einmal ins Deutsche zu übersetzen. Oft sind es durchaus kluge Gedanken, die da verquer formuliert werden. Deshalb glaube ich auch nicht, dass es mit Geheimbündlerei zusammenhängt. Vielmehr sind wir Juristen einfach etwas verschroben - in Wahrheit jedoch durchaus liebenswert! Ein Anwalt würde zum Beispiel nie in mürrischem Tone drohen: „Ich gebe Ihnen Gelegenheit, bis nächste Woche zu antworten“. Vielmehr diktiert er seiner Sekretärin: „Unterfertigter stellt anheim, den Sachverhalt binnen Wochenfrist abschließend zu vertiefen“. Und wenn er dann dringend zu einem Termin muss, hinterlässt er ein „nach Diktat verreist“. 

Aber auch Gesetzestexte können ulkig sprechen. In § 4 Abs. 1 Grundbuchordnung (GBO) finden wir die poetischen Worte: "Über mehrere Grundstücke desselben Eigentümers, deren Grundbücher von demselben Grundbuchamt geführt werden, kann ein gemeinschaftliches Grundbuchblatt geführt werden, solange hiervon Verwirrung nicht zu besorgen ist." Hat Ihnen der Satz auch Verwirrung besorgt? Ein Jurist würde wohl formulieren, ihm sei die Aussage des oben verorteten Absatzes verlustig gegangen. Juristen sind allerdings bisweilen auch ironische Sprachgenießer. So zu sehen in den Formulierungen des berühmten Kölner Bierkutscher Urteils (AG Köln 12.19.1984, Az: 226 C 356/84): „Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme hat auch eines der beiden Pferde mit einem der 8 Hufe das Auto der Klägerin getreten. Damit hat sich die von dem Gesetz verlangte typische Tiergefahr verwirklicht. Dass sich auch Menschen ab und zu so verhalten (vgl. dazu das Holzweg-Urteil des erkennenden Gerichts vom 4.12.1981 - 266 C 284) ist unerheblich, weil es hier auf die Unberechenbarkeit tierischen Verhaltens ankommt. Unberechenbar ist aber alles, auf das man sich leider nicht verlassen kann.“ Das sind doch einmal klare Worte. Und wenn Ihnen bei dieser Lektüre nun zum Abschluss ein zünftiges „Na leckst mi´doch am …“ durch den Sinn geistert, so gibt es auch dafür eine juristische Variante! 

Wenn ein Anwalt einem Kollegen gegenüber einmal den Götz von Berlichingen zu rezitieren den Wunsch verspürt, so unterschreibt er seinen Brief mit den Worten: „Mit vorzüglicher kollegialer Hochachtung“. Der weiß dann schon wie es gemeint ist.

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