Werbeverbote für Rechtsanwälte


Stellen Sie sich einmal vor, Sie sind in herbstlicher Stimmung – passend zur Jahreszeit. Missmutig also irgendwie, antriebsarm und niedergeschlagen. Banale Alltagssorgen legen sich bleischwer auf Ihr Gemüt und Sorgen, für die Sie sonst die Lösung im Vorbeispazieren sonnig aus dem Handgelenk schütteln, wachsen sich zur scheinbar ausweglosen Katastrophe aus. Sie beschließen, ihr Heil in einer Tasse Tee zu suchen und stoßen dabei im Küchenschrank auf ein Trinkgefäß, das Ihnen ihr Rechtsanwalt letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte.

Auf der Tasse ist eine Frau abgebildet, die sich einen Revolver an den Kopf hält. Daneben der trostspendende Sinnspruch: „Nicht verzagen, Anwalt fragen“ Sollte Ihnen in diesem Moment das Wort „Vollidiot“ in farbigen Lettern vor dem inneren Auge vorüberziehen, so irren Sie sich. Sie befinden sich ganz offensichtlich in einem Albtraum. Wachen Sie auf! Ihr(e) Rechtsanwa(e)lt(in) - genderneutrale Schreibweise - ist ein netter Mensch, der so etwas Geschmackloses nie in Ihren Schrank stellen würde. 

Dürfen die gar nicht. „Schockwerbung“ ist nämlich, so wie auch viele andere besonders wirksame Formen der Reklame, Anwälten in Deutschland verboten. Bis 1987 galt schon ein etwas größeres Kanzleischild als Verstoß gegen das anwaltliche Standesrecht. Seit 1994 erlaubt § 43b BRAO Werbung immerhin ausdrücklich – innerhalb gewisser Grenzen. Nun gibt es in Deutschland geschätzte 160.000 Rechtsanwälte und da existiert natürlich ein gewisser Verteilungskampf um den Platz an der Sonne auf dem Liegestuhl der attraktivsten Mandanten. Und um dort ein Handtuch auszubreiten, sind einige Kolleg(inn)en durchaus phantasievoll und (wie könnte es anders sein) streitlustig beim Austesten der Grenzen des § 43b. 

Bis zum Bundesverfassungsgericht ging eine Kanzlei, die Werbung auf Straßenbahnen machen wollte. Und sie dürfen (Az. 1 BvR 981/00). Ebenfalls erlaubt wurde es einigen Kollegen von den obersten Grundgesetzhütern, anwaltliche Dienstleistungen zu versteigern (Az. 1 BvR 1886/06). Aber zurück zu dem Anwalt mit den Tassen im Schrank: Ihm war zweifelsohne klar, dass man die provokativen Trinknäpfe entrüstet zertrümmern würde, als er seine zuständige Rechtsanwaltskammer in Köln (scheinheilig) darum bat, ihm die lebensmüde Motivwerbung zu erlauben. 

Auch der Anwaltsgerichtshof NRW blieb in Sachen Werbeverbot erwartungsgemäß hartgebrannt (Az. 2 AGH 3/13). Allerdings berichteten bundesweit die Medien über den Kölner Kollegen. Ein spektakulärer Werbeerfolg. Den nächsten Coup hat der Mann übrigens unlängst gelandet, als er bei Gericht mit einer Rechtsanwaltsrobe aufkreuzte, quer über den Rücken in großen Lettern die Internetadresse seiner Kanzlei aufgedruckt. Auf den ersten Blick alberner Firlefanz. Der Anwaltsgerichtshof NRW verbot ihm auch sogleich diese „unsachliche“ Werbung (Az. 1 AGH 16/15). Doch im Nu hatten die Medien auch diese Story wieder über die ganze Republik verbreitet. Chapeau, Herr Kollege! 

Am Ende entscheidet freilich der Mandant, welche Lettern auf dem Krug gemeißelt stehen sollen, aus dem er sein Recht schlürfen will.

 

   

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