Haftstrafen


Seitdem in unserer Republik Prügeln, Foltern und Aufknüpfen am Halse als Strafen Gott sei Dank nicht mehr en vogue sind, ist neben der gesellschaftlichen Missachtung und dem finanziellen Ruin der Freiheitsentzug in einer Justizvollzugsanstalt (vom Volksmund auch gerne als „Knast“ betitelt) die schwerwiegendste Sanktionierung einer Straftat, die man im Rechtsstaat kennt. Bei Personen bis zu einundzwanzig Lenzen kann bei Anwendung des Jugendstrafrechts die mildeste Variante dieser Strafe in Form des Jugendarrests zur Anwendung kommen. Für Erwachsene gilt später dann ein breites Spektrum möglicher Absitzstrafen, je nach dem Grad der Tat. 

Da wären zunächst die so genannten „Vergehen“. Hier bietet das Strafgesetzbuch milde Sanktionen auch unterhalb einem Jahr „schwedische Gardinen“ an. Beliebtes Beispiel: die Nötigung. „Verbrechen“ hingegen sind Missetaten, bei denen es unter einem Jahr „Bau“ gar nicht erst losgeht. Gerne wählen Straftäter da zum Beispiel den Raub. Doch wer im „Kittchen“ brav ist, darf mit Milde rechnen. Manchmal gibt’s Bewährung bereits nach hälftig verbüßter Strafe, regelmäßig aber spätestens nach 2/3 der Haftzeit. Und dann wäre da noch der Mord. Der ist bekanntlich mit „lebenslanger“ Freiheitsstrafe bedroht. Gerne verbreiten Nicht-Insider das Gerücht, es wären in Wahrheit nur 15 Winter. Richtig daran ist lediglich, dass bei einem Mord frühestens nach 15 Jahren „Bunker“ überhaupt erstmals über Aussetzung der Reststrafe zur Bewährung nachgedacht werden darf. Da also kann der Richter – muss er aber nicht. Es hängt stark von der „positiven Sozialprognose“ ab. 

Herr Hans-Georg N., zuletzt wohnhaft in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal, kann ein Lied davon singen. Der nämlich befindet sich inzwischen seit über 50 Jahren wegen Mordes in Haft. Freilich gibt es regelmäßige Überprüfungen – doch bislang attestierte man ihm keinerlei Verbesserung seiner Sozialprognose. „Lebenslänglich“ kann also auch in Deutschland ziemlich lange dauern. Im Zweifel das ganze Leben lang, wie beim Mehrfachmörder Heinrich P., der nach 49 Jahren Haft mit 71 im Gefängniskrankenhaus Hohenasperg verstarb. In anderen Ländern geht es bei den Strafen übrigens teils regelrecht abenteuerlich zu. Der Amerikaner John Wayne Gacy erlebte das Ende seiner 21-fach lebenslangen Strafe nicht mehr, weil er zugleich auch 12 mal zum Tode verurteilt worden war und deshalb 1994 hingerichtet wurde. 

1972 wurde ein spanischer Postbote, der 40.000 Briefe verbummelt hatte, von einem Richter zu 394.912 Jahren Haft verurteilt. Ebenfalls aus Spanien stammte die Anklage gegen drei mutmaßliche Helfer des Attentates auf das World-Trade-Center in New York vom 11. September 2001: der Staatsanwalt Pedro Rubira forderte als Strafe 62.512 Jahre Zuchthaus. Aber all das erscheint beinahe human im Vergleich zu dem, was in „alten Zeiten“ mit Straftätern geschah. 

Der Strafrechtskatalog der Constitutio Criminalis Carolina, der Peinlichen Gerichts-ordnung Kaiser Karls V. von 1532, sah vor, dass ein Mörder „...mit dem rath zum todt gestrafft werde“. Dann vielleicht doch lieber eine halbe Million Jahre lang in einem spanischen Kerker in Gesellschaft des schlampigen Briefträgers. 

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